Kompositionen für Orgel · Chor · Sologesang · Bläser Kantaten · Oratorien und Orchesterwerke

Vita

Wenige Kirchenmusiker der Gegenwart haben neben den Verpflichtungen in ihrer Gemeinde, neben dem Engagement an Dirigentenpult und Orgel ein so umfangreiches kompositorisches Schaffen zu Papier gebracht wie Lothar Graap. In fünfeinhalb Jahrzehnten sind nahezu 700 Werke unterschiedlichster Dimension und Besetzung für Gottesdienst und Konzert, für das häusliche Musizieren, die musikalische Arbeit mit Kindern, den Unterricht künftiger Kirchenmusiker und weitere Zweckbestimmungen entstanden. Nach dem Eintritt in den nach wie vor in hohem Grade aktiven Ruhestand hat sich die Schaffenskraft in keiner Weise verringert, sondern eher noch an Intensität zugenommen und vor allem die Fähigkeit entwickelt, weiter in die Tiefe zu dringen.
Lothar Graap hatte das große Glück, dass seine kreative Begabung durch erste Veröffentlichungen schon früh weit über sein unmittelbares Wirkensumfeld hinaus Beachtung und Anerkennung fand. Das erste Werk, das von ihm gedruckt erschien, eine Partita über den Choral “Nun danket all und bringet Ehr”, hatte er als Zwanzigjähriger ein Jahr vor der Beendigung seines Studiums komponiert. Nach der Präsentation bei den Brandenburger Orgeltagen 1955 fand es auf nachdrückliche Empfehlung durch den Komponisten und Tonsatzdozenten an der Eisenacher Kirchenmusikschule Johannes Petzold sogleich das Interesse des Verlegers Adolf Strube und wurde von ihm in die renommierte Edition Merseburger aufgenommen.

Weitere Veröffentlichungen ließen nicht lange auf sich warten, Orgelkompositionen sowohl wie Chor- und Sologesangswerke, nicht nur nach geistlichen Texten, Kinderkantaten, Bläsermusiken und erste Bewährungsproben im Bereich der Kammermusik. Sie erschienen zunächst vor allem in der Evangelischen Verlagsanstalt im Ostteil Berlins, bald aber auch in dem staatlichen - oder, wie man damals offiziell formulierte, “volkseigenen” - Deutschen Verlag für Musik in Leipzig. Auch Verlage der Bundesrepublik begannen sich mehr und mehr für Graap‘s Schaffen zu interessieren, das dadurch weite Verbreitung fand und nachhaltige neue Antriebe gewann. Nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze wuchs ihre Zahl auf ein Mehrfaches. Heute sind Werke Graap‘s in den Katalogen von mehr als zwanzig Musikverlagen in Berlin, Leipzig, Kassel, Wolfenbüttel, Aurich, Köln, Bonn, Mainz, Ditzingen bei Stuttgart, München, Straubing und weiteren Orten zu finden und strahlen damit längst weit über die deutschen Grenzen hinweg aus. In jüngster Zeit hat sich die Veröffentlichungstätigkeit noch gesteigert. Allein in den letzten 3 Jahren sind nicht weniger als 150 Druckausgaben erschienen. Sie enthalten ebensowohl neu entstandene Werke wie bisher unveröffentlichte Kompositionen aus vergangenen Jahren und Jahrzehnten.

Die entscheidenden Schaffensimpulse waren aber längst nicht erst der wachsenden Zahl der Veröffentlichungen zu danken. Bereits in frühester Jugend erhielt Graap in seiner niederschlesischen Heimatstadt Schweidnitz, wo er am 15. Juni 1933 zur Welt kam, reiche musikalische Anregungen. Er konnte sich hier noch vertraut machen mit den Zeugnissen einer einst hoch angesehenen Orgelbauwerkstatt, die seit ihrer Gründung im Jahre 1831 in drei Generationen der aus der Gegend von Zeitz stammenden Familie Schlag mehr als tausend neue Instrumente errichtet und eine Vielzahl von Umbauten und Erweiterungen älterer Werke vorgenommen hatte. Bleibende Eindrücke hinterließen aber auch die musikalisch reich gestalteten Gottesdienste in der evangelischen Friedenskirche, die nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges für die bis dahin immer wieder verfolgte große evangelische Gemeinde der Stadt erbaut worden war. Der in Schweidnitz begonnene Musikunterricht musste durch die Kriegsereignisse vorzeitig abgebrochen werden. Erst 1946 eröffnete sich die Möglichkeit seiner Fortsetzung, nachdem die Familie nach der Flucht aus der Heimat und einer längeren, gefahrvollen Odyssee durch Nordböhmen und die bayerische Oberpfalz in Görlitz Zuflucht gefunden hatte. Die nur wenig zerstörte Stadt an der nunmehrigen Neißegrenze zu Polen bot mit ihrer sehr bald nach Kriegsende wiederbelebten Musikpflege in Kirchen, Konzert- und Ausbildungsstätten noch weitaus reichere und vielfältigere Anregungen als das einstige Schweidnitz.

Sehr bald kam für Lothar Graap - entgegen dem Wunsch der Eltern - nur noch die Musik, die Kirchenmusik, als Lebensziel und -inhalt in Betracht. Von einem Tag zum anderen verließ er die Handelsschule, die ihn auf einen kommerziellen Beruf vorbereiten sollte, und wechselte auf das Konservatorium. Wichtigster Anreger und Mentor wurde für ihn über die Görlitzer Jahre hinaus KMD Eberhard Wenzel, der seit 1930 das Kantorat und Organistenamt der Peterskirche inne hatte und als Komponist zu den im Osten Deutschlands führenden Repräsentanten der kirchenmusikalischen Erneuerung seit den 20er Jahren zählte. Unter Wenzels Leitung hatte Graap bereits als Schüler bei der Uraufführung des Oratoriums “Berge des Heils” mitgesungen. 1950 nahm er das Studium an der Kirchenmusikschule auf, die der Kantor von St. Peter und Paul drei Jahre zuvor in der Nachfolge des vor 1945 hoch angesehenen Breslauer Instituts in der Neißestadt für die Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz neu ins Leben gerufen hatte und bis zu seiner Berufung in gleicher Eigenschaft nach Halle 1951 leitete.

Wenzels Tonsatzunterricht verdankte Graap die prägenden Grundlagen für sein eigenes Schaffen, das sich in Anknüpfung an die großen Traditionen vergangener Jahrhunderte gleichfalls der Erneuerung der Kirchenmusik verpflichtet weiß. Während seines Studiums erhielt er aber auch ein solides spieltechnisches und interpretatorisches Fundament für sein künftiges Wirken im Dienst der Musica sacra durch den Orgelunterricht bei Horst Schneider, der - zunächst Domkantor in Bautzen - 1951 nach Wenzels Weggang aus Görlitz dessen sämtliche Ämter übernahm, und lernte durch ihn ein umfangreiches Repertoire kennen und beherrschen. Mit seinem ersten Kompositionslehrer blieb Graap weiterhin in produktivem Kontakt. Er nahm aber auch mehrmals mit großem Gewinn die Möglichkeit wahr, zur Bereicherung und Vertiefung seiner kompositorischen Intentionen an Ferienkursen bei zwei tonangebenden Kirchenmusiker-Komponisten der Bundesrepublik, Helmut Bornefeld und Siegfried Reda, im württembergischen Heidenheim teilzunehmen. Hier bot sich ihm die willkommene Gelegenheit zu regem und fruchtbarem Gedankenaustausch über die „Zonengrenzen“ hinweg, zum Kennenlernen neuer, zukunftweisender Strömungen der Musica sacra und zur Anknüpfung dauerhafter Kontakte, die für die künftige Verbreitung des eigenen Schaffens beträchtlichen Wert gewinnen sollten.
Sein erstes Kantor- und Organistenamt trat Graap in der kleinen Flämingstadt Niemegk an. Sie wurde für ihn die entscheidende Station des Sich-Erprobens und Entfaltens. Hier bereits brachte er neben gottesdienstgemäßen Orgelwerken mit der Kantorei der Gemeinde, die unter seiner Leitung sehr bald an Leistungsvermögen gewann, größer angelegte eigene Kompositionen zur Uraufführung, unter ihnen die Lukas-Passion „Das Kreuz Christi“. Drei Jahre später fand er an der Klosterkirche der wirtschaftlich und kulturell aufstrebenden Niederlausitz-Metropole Cottbus ein noch wesentlich weiterreichendes Aufgabenfeld. Zielstrebig begann er mit dem Aufbau einer Kantorei. Noch im gleichen Jahre veranstaltete er erstmals Kirchenmusiktage. 1958 schlossen sich zum 50jährigen Bestehen der Sauer-Orgel in der Klosterkirche Orgeltage an. Beide Initiativen wurden in den folgenden Jahren mehrfach weitergeführt, jeweils mit neuen Werken, nicht nur aus der eigenen Feder, im Brennpunkt.
Große Bedeutung gewann die ökumenische Arbeit, auf die Graap bereits während seiner Görlitzer Studienjahre aufmerksam geworden war. Neben der eigenen Kantorei, die jeden Sonn- und Festtag im Gottesdienst präsent war, betreute er zeitweilig den Chor der katholischen Pfarrgemeinde, für den er eigene liturgische Werke schrieb. Über Jahrzehnte bereicherte ein unter seiner Leitung neu ins Leben gerufener leistungsfähiger ökumenischer Oratorienchor, dem auch Mitglieder freikirchlicher Gemeinden angehörten, das Musikleben der bis zur politischen Wende fast 130 000 Einwohner zählenden zweitgrößten Stadt des Landes Brandenburg alljährlich durch mehrere große Aufführungen. Mit der Umgestaltung der um 1700 für die Französisch-Reformierte Gemeinde erbauten Schloßkirche zum übergemeindlichen Begegnungszentrum erhielt Lothar Graap Ende der 70er Jahre Raum für weitere umfangreiche musikalische Aktivitäten. Zahlreiche Uraufführungen, nicht nur eigener Werke, fanden an diesem Ort statt, zum großen Teil im Rahmen allwöchentlicher Musikalischer Vespern. Bis zu Graap`s Eintritt in den Ruhestand mit der Vollendung seines 65. Lebensjahres im Juni 1998 fanden auf seine Initiative nicht weniger als 1025 Vespern statt, an denen sich Geistliche sämtlicher Cottbuser Kirchen und Gemeinschaften als Liturgen beteiligten. Sie boten zwei Jahrzehnte lang eine wahrhaft einzigartige Überschau über mehr als ein halbes Jahrtausend Geschichte der Kirchen- und Orgelmusik, vom späten Mittelalter bis zur jüngsten Gegenwart.

In Würdigung seiner Verdienste wurde Lothar Graap 1975 die A-Qualifikation zuerkannt, nachdem er zuvor bereits das Amt des Kreiskirchenmusikwarts übernommen hatte. Die für das städtische Kulturleben in Cottbus Verantwortlichen brauchten allerdings sehr viel länger, um seine Leistungen anzuerkennen, nachdem sie bis 1989 seine Tätigkeit eher zu behindern versucht hatten. Es bedurfte erst der Wende, bis man auch über den Raum der Kirche hinaus begriff, wieviel die Stadt Graap‘s ideenreichem und unermüdlichem Einsatz zu danken hatte. 1991 wurde ihm als eine Art später Genugtuung der Aufbau und die Leitung einer Orgelklasse am städtischen Konservatorium übertragen, in die er seine jahrzehntelangen Erfahrungen bei der Ausbildung nebenamtlicher Kirchenmusiker einbringen konnte.

Mit dem Eintritt in den Ruhestand endete nach 41 Jahren das so überaus ideen- und schaffensreiche Wirken in der Niederlausitz. Graap übersiedelte nach Schöneiche im östlichen Randgebiet Berlins und fand hier nochmals ein in höchstem Grade anregendes Umfeld für seine schöpferischen Aktivitäten, konnte aber auch seine Konzerttätigkeit an der Orgel durch umfangreiche Verpflichtungen im In- und Ausland bis nach Spanien, Österreich und dem rumänischen Siebenbürgen noch erheblich erweitern. Ständig zu erleben ist er nach wie vor in Gottesdiensten und Musikalischen Vespern, gelegentlich auch umfangreicheren Konzerten, in der Christophorus-Kirche Berlin-Friedrichshagen, wo er fast stets neue Werke aus der eigenen Feder zur Diskussion stellt. Doch auch die Schöneicher Kirchengemeinde lädt ihn gern zur Bereicherung ihres musikalischen Lebens ein.

Choralbearbeitungen nehmen den größten Anteil unter Graap‘s Orgelwerken ein. Neben einer Vielzahl von Choralvorspielen, die als gottesdienstliche Gebrauchsmusik verstanden werden wollen, schrieb er auch eine ganze Reihe von mehr oder weniger ausgedehnten Variationsfolgen, Choralpartiten und -suiten in Anknüpfung an Werke, wie sie von Johann Pachelbel, Georg Böhm und aus Johann Sebastian Bachs früher Schaffenszeit überliefert sind. Dabei interessierten ihn keineswegs nur die allgemein verbreiteten Gesangbuchlieder. Er war auch ganz bewusst bestrebt, auf neue, in vielen Gemeinden noch selten oder überhaupt nicht gesungene Liedschöpfungen aufmerksam zu machen. Nicht von ungefähr erlebte dieser Schaffenszweig einen bedeutenden Aufschwung mit der Einführung des neuen Evangelischen Gesangbuches in den Jahren 1993/94. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf neue Lieder des Stammteiles, sondern hielt auch in einigen Länderanhängen Umschau nach Melodien, die ihn fesseln könnten.

Graap‘s Choralpartiten stellen zumeist keine virtuosen Ansprüche. Sie wollen vor allem der gewachsenen Nachfrage nebenamtlicher Organisten nach anregenden und gehaltvollen, technisch aber ohne übermäßige Mühen zu bewältigenden Werken entsprechen. Und vor allem: Sie möchten auch die Gemeinde ansprechen und bewegen. Deshalb schließen sie sich nicht den avantgardistischen Tendenzen an, die sich in den letzten Jahrzehnten in einem Teil des neuen Orgelschaffens ausgebreitet haben, sondern wahren die Bindungen an die nach wie vor gültigen großen Traditionen der Musica sacra.

Wolfgang Hanke